Im Community Organizing unterstützen sich die Bürger gegenseitig und schaffen Raum für ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben. Damit ist Community Organizing ein ureigenes Feld der Kirche.

Warum ist Community Organizing (CO) ein attraktives Handlungsfeld der Kirche – oder sollte es zumindest sein? Die Antwort ist einfach: Community Organizing (CO) ist nicht die einzige, aber eine besonders günstige Form, wie Kirche in der Welt ihrem pastoralen Auftrag nachkommen kann. Sie kann dabei ihre wichtigsten Sozialprinzipien mit neuem Geist und Leben erfüllen.

Community-Organizing-Prozesse zielen darauf, die Beteiligung von Bürger(inne)n an der Gestaltung ihrer Sozialräume zu fördern. In Bürgerplattformen engagieren sich zivilgesellschaftliche Akteure, die sich als ‚handlungsfähiges Wir‘ in solidarischen Beziehungen miteinander verbunden wissen. Dieses Beziehungsnetzwerk ist bewusst grenzüberschreitend konzipiert: Es verknüpft die verschiedenen sozialen, religiösen und ethnischen Gruppen miteinander; die Pluralität der Bevölkerung wird damit nicht nur respektiert, sondern als wichtige Ressource für Kreativität genutzt. Respektierte und kreative Vielfalt wird zum normativen Kennzeichen kooperativen Handelns. Die so entstehende Solidarität unterscheidet sich grundsätzlich von einer Tugend bloßer Mildtätigkeit, zu der Bessergestellte im Sinne einer individualistisch-liberalen Gesellschaftskonzeption gegenüber Schlechtergestellten angehalten werden. Solidarität im CO wird vielmehr zu dem, was sie nach Auskunft von Oswald von Nell-Breuning1 sein soll: Aus der Erkenntnis, dass Menschen immer schon gegenseitig abhängig sind („Gemeinverstrickung“), resultiert ein Gemeinsame-Sache-Machen („Gemeinhaftung“), das dem Gemeinwohl verpflichtet ist und so jedem Einzelnen zum Wohl gereicht. Bürger(innen), die sich freiwillig und aus Einsicht in ihre Notwendigkeit in eine solche Solidarität hineinbegeben, werden ihrer Verantwortung von Bindung und Rückbindung in Gemeinschaft gerecht. Bürgerplattformen können dabei eine verkürzte sozialpolitische Forderung nach individueller Eigenverantwortung erweitern. Als solidarische Verantwortungsgemeinschaften bringen Bürger(in- nen) ihre Potenziale in die Gestaltung der Sozialräume ein. Damit sind sie in einem emphatischen Sinne subsidiär: eine Hilfe, die deshalb wirklich hilfreich ist, weil sie die Adressat(inn)en der Unterstützung ihrerseits zur wechselseitigen Unterstützung befähigt.

Mit dieser Form des „Sich-Beteiligens“ weiß sich Community Organizing einem normativ gehaltvollen Demokratieverständnis verpflichtet, das im Kern selbstbestimmte, zivilgesellschaftliche Partizipation möglichst aller Bürger(innen) beinhaltet. Solche zivilgesellschaftliche Beteiligung ermöglicht eine kooperative Gestaltungsmacht, in der sich gemeinsam verwirklichte Freiheit zur Selbstorganisation und damit politische Autonomie herauskristallisiert. Demokratie ist dann nicht nur die Herrschafts- oder Organisationsform einer Gesellschaft; sie ist zugleich eine Lebensform, in der Bürger(innen) als demokratische Akteure in ihrer Lebenswelt aktiv werden. Natürlich erschöpft sich Demokratie nicht in dieser Form praktisch gelebter persönlicher Lebenswelt. Aber sie muss dort verankert sein. Nur so sichert sie die politisch-moralischen Ressourcen einer demokratischen Gesellschaft insgesamt.

Community Organizing setzt bei den Menschen an

Community Organizing will in den persönlich erfahrbaren Sozialräumen konkrete demokratische Handlungsräume eröffnen; es setzt daher bei den Menschen und ihren Erfahrungen, Nöten und Visionen an. Betroffene sollen zu Beteiligten werden und ihre Interessen in die öffentlichen Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse selbstbestimmt einbringen. Dies bedeutet, die Definitionsmächte über legitime Ansprüche, Bedürfnisse und Problemlagen neu auszutarieren. Partizipation ist eine Bedingung für Gerechtigkeit, denn sie ermöglicht es den Menschen, an den Verständigungsdiskursen einer Gesellschaft teilzuhaben. Im Sinne der Beteiligungsgerechtigkeit versuchen Bürgerplattformen daher auch insbesondere die Gesellschaftsmitglieder in die gemeinsame Praxis zu integrieren, die bisher von demokratischer Teilhabe ausgeschlossen sind oder ungenügenden Zugang haben. Hier kommt eine Option für die Armen zur Geltung, die als Gebot der Gerechtigkeit darauf zielt, Ausgrenzung zu überwinden und damit die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Teilhabe setzt geeignete Strukturen voraus

Als sozialprofessioneller Handlungsansatz verknüpft Community Organizing Beteiligungsgerechtigkeit mit dem Verständnis, dass selbstbestimmte Teilhabe und Verantwortungsübernahme entsprechender befähigender, fördernder und ermöglichender Strukturen bedürfen. Befähigungsgerechtigkeit zielt dabei nicht nur auf einzelne Individuen, sondern umfassender als strukturelle Befähigung auch auf zivilgesellschaftliche, intermediäre Strukturen in Sozialräumen. Das ist für das Wohl jedes Einzelnen dringend erforderlich. Denn die Chancen des Individuums auf ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben sind untrennbar mit einem förderlichen sozialen Umfeld verbunden. Deshalb unterstützen Bürgerplattformen als solidarische, selbstbestimmte Verantwortungsgemeinschaften die Entwicklung und Entfaltung von Menschen – und damit, theologisch gesprochen, die Menschwerdung des Menschen in Geschichte und Gesellschaft.

Damit ist der entscheidende Grund genannt, weshalb Kirche – etwa in Gestalt ihrer gemeindlichen oder verbandlichen Caritas – selbst im Handlungsfeld Community Organizing aktiv werden sollte: als Ausdruck ihres pastoralen Auftrages in der Welt von heute. Denn die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums „Gaudium et spes“ ist eindeutig: Pastorales Handeln der Kirche will die frohe Botschaft Gottes im Alltag dieser Welt gegenwärtig machen, in dem es die Menschwerdung jedes Einzelnen in allen Dimensionen seiner menschenwürdigen Lebensführung unterstützt und begleitet. Dazu gehört auch, so das Konzil, dass die menschlichen Gemeinschaften wie Gesellschaften insgesamt in lebensdienlichere strukturelle Verhältnisse umgewandelt werden und so deren Entwicklung auf das kommende Reich Gottes vorangetrieben wird.2 Dieses Weltengagement der Kirche ist nicht beliebig; es gehört vielmehr zu ihrem Wesen: Die durch das Evangelium freigesetzte Hoffnung, die in Christ(inn)en lebt und von der sie Zeugnis abzulegen haben, soll, so hält die dogmatische Erklärung über das Wesen der Kirche „Lumen gentium“ kategorisch fest, sich auch in der Umwandlung der Strukturen des profanen Weltlebens ausdrücken.3

Nun bieten sich Kirche vielerlei Möglichkeiten, die Strukturen weltlicher Gesellschaften positiv zu verändern und damit ihrem pastoralen Grundauftrag Folge zu leisten. Wenn sich Kirche in Prozesse des Community Organizing einbringt, so hat dies aber für ihre eigene Selbstkonstitution große Vorteile: Denn Pfarrgemeinden können sich durch ihr Engagement etwa in Bürgerplattformen nicht nur in ihrem Dorf oder Stadtteil verorten und sich damit in Richtung ihres konkret erfahrbaren Sozialraumes öffnen. Diese Entgrenzung nach außen ist oftmals zugleich eine Entgrenzung nach innen: Denn die intensive Beziehungsarbeit, die für das CO charakteristisch ist und letztlich seinen Kern ausmacht, lässt nicht nur neue persönliche Beziehungen und Bündnisse zwischen den außen aktiven Gemeindemitgliedern schließen, sondern deckt auch die unentdeckten Schicksale wie Talente in den eigenen Reihen auf. Damit wird jener internen Segregation von Personen und Personengruppen entgegengesteuert, wie sie im Rahmen einer faktischen sozialen Ausgrenzung aus dem Gemeindeleben (soziale Exkommunikation) für sehr viele Pfarrgemeinden nach wie vor typisch ist. Zugleich eröffnet gemeinsames bürgerschaftliches Engagement die Chance, (gemeindlich-) ehrenamtliche mit (verbandlich-) professionalisierter Caritas neu zu verschränken. Das pastorale und insbesondere das caritative Handeln der Kirche ist in Deutschland nach wie vor in zwei Säulen aufgeteilt – eine Trennung, die nur zögerlich porös wird. Das hat viele Ursachen. Eine wichtige ist die Tendenz vieler Gemeinden, die diakonalen Aufgabenbereiche der Pastoral an die verbandlich organisierte Caritas zu delegieren und sich damit faktisch einer subtilen „Leidentsorgung“ zu unterwerfen. CO orientiert sich dagegen an der Befähigung und Partizipation von Bürger(inne)n und damit von Gemeindemitgliedern als solchen. Deshalb wird es vorrangig, Ehrenamtliche im Sozialraum zu aktivieren, und weniger Professionelle caritativer Einrichtungen, die im Gemeinwesen angesiedelt sind. Dennoch können solche Einrichtungen wichtige Bündnispartner von CO-Prozessen werden – insbesondere dann, wenn sie – wie die Kirchengemeinde – von den Zuständen und/oder Veränderungsprozessen des Sozialraumes betroffen sind und im Sinne zivilgesellschaftlicher Demokratie zu Beteiligten werden müssen.

Anmerkungen

1.  Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) war katholischer Theologe, Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph und gilt als überragende Persönlichkeit der katholischen Soziallehre. Zum Solidaritätsverständnis vgl. Nell-Breuning, Oswald: Baugesetze der Gesellschaft. Solidarität und Subsidiarität, Freiburg u.a.: Herder Verlag, 1990, S. 15ff.
2. „Gaudium et spes“ (Freude und Hoffnung), GS 40ff.
3. „Lumen gentium“ (Licht der Völker), LG 35.