Lorenz Werthmann hat mit der Gründung des Deutschen Caritasverbandes der katholischen Wohlfahrtsarbeit Profil gegeben: Nicht Mildtätigkeit, sondern tätige Nächstenliebe prägen die Caritas und bilden einen Mehrwert gegenüber der Wohlfahrt des Staates.

Manchmal ist schon die Streichung eines einzigen Buchstabens von großer symbolischer Bedeutung. So geschehen 1909: Lorenz Werthmann streicht im Titel der Verbandszeitschrift des Caritasverbandes für das katholische Deutschland kurzerhand das kleine, im Deutschen tonlose „h“: Aus Charitas mit „ch“, das dem griechischen „Charis“ entlehnt ist und besonders auf das Moment gnädiger Fürsorge hinweist, wird Caritas ohne „h“ – nun dem Lateinischen entlehnt. Nicht „Charis“ entspricht der lateinischen Caritas, sondern Agape: schlichter Bruderdienst, unprätentiöse Nächstenliebe. Nicht wenige mutmaßen, dass Werthmann mit diesem Federstrich die organisierte Caritas vom Odium des bloß Spirituell-Huldvollen befreien und stattdessen stärker das alltagsweltliche, ja auch das sozialpolitische Profil der organisierten Caritas in Deutschland öffentlich zur Geltung bringen wollte.

Wie dem auch sei: Eine zentrale Absicht, die Lorenz Werthmann mit der Gründung des Caritasverbandes für das katholische Deutschland und des späteren Deutschen Caritasverbands verfolgte, war die Profilierung der katholischen Wohlfahrtsarbeit inmitten der deutschen Gesellschaft. Durch eine möglichst weitgehende Vernetzung aller caritativen Initiativen und Aktivitäten der Kirche sollte eine zentrale katholische Organisation entstehen. Werthmann schwebte eine katholische Caritas vor, die „nach planmäßiger Organisation durch die bischöfliche Autorität in den einzelnen Diözesen wie eine geordnete friedliche Schlachtreihe dasteht, nicht um die Wohltätigkeits-Bestrebungen Andersdenkender zu befehden, sondern um die leibliche und geistige Noth des Nächsten zu bekämpfen.“1

Da reichte eine Caritas-Zentrale in Freiburg, die sich vor allem der wissenschaftlichen Behandlung und der Publikation caritativer Arbeit widmete, trotz guter Ergebnisse nicht aus. Neben dem unermüdlichen Aufbau von Caritasverbänden in Städten und Bistümern drängte es Werthmann schon frühzeitig in die unmittelbare Nähe der Schaltzentralen von Staat und Gesellschaft. Vor genau 90 Jahren, in den ersten Oktobertagen des Jahres 1918, beschloss Werthmann die Verlegung der Caritas-Zentrale von Freiburg nach Berlin. Das gelang – bekanntlich bis zum heutigen Tage – nicht ganz. Doch wenigstens eine Hauptvertretung, die wegen ihrer hohen Bedeutung Werthmann ursprünglich als Caritaspräsident selbst zu leiten gedachte, sollte den Gestaltungsanspruch der Caritas in der deutschen Öffentlichkeit wirksam umsetzen helfen.

Caritas ergänzt den Staat

Für Werthmann bestand kein Zweifel an dem Mehrwert, den der freiwillige Liebesdienst der organisierten Caritas gegenüber einer rein staatlichen Wohlfahrt für die Gesellschaft besitzt. Mindestens ergänzen beide einander: Die „offizielle Armenpflege“, war Werthmann ursprünglich noch überzeugt, „muss (…) immer mit einer gewissen berechtigten Strenge auftreten.“2     Schon allein deshalb wird die staatliche Wohlfahrt „es nicht ungern sehen, wenn seinen Pfaden die hochgesinnte Frau Caritas folgt oder vorausgeht, welche, mitleidigeren Herzens, mit persönlicher Teilnahme und mildtätiger Hand weitsichtiger und opferfreudiger die vielen zarten Falten der menschlichen Leiden und Kümmernisse beachtet, glättet und heilt.“3 Zwanzig Jahre später und an Erfahrungen reicher veranschlagt er den Mehrwert deutlich nüchterner, gleichwohl gerade für uns heute aktueller denn je: Nicht die staatlich verordnete, sondern allein die freiwillige Wohlfahrtspflege könne jenes natürliche Recht eines jeden Menschen zum Zuge kommen lassen, „seine materiellen und geistigen Güter zur körperlichen und geistigen Wohlfahrt seiner Mitmenschen zu verwenden, (…) andere hierzu zu ermuntern und mit diesen zum Zwecke des Wohltuns sich zu verbinden.“4

Sozusagen von unten her wachsend sammelt und entwickelt sich über die Gemeinschaften und Verbände der freiwilligen Wohlfahrt das entscheidende Solidarkapital einer Gesellschaft: die Bereitschaft und der Wille eines jeden, sich im Interesse des bedürftigen Nächsten und im Interesse des Gemeinwohls solidarisch zu aktivieren.

Das klingt sehr vertraut. Ungewohnt ist eher, dass wir heute weniger für das Recht auf solidarische Eigeninitiative eintreten müssen, sondern unter dem Stichwort Subsidiarität eher an die Pflicht zur Erstverantwortung jedes Einzelnen appellieren. Aber vielleicht liegt ja der Kern der Botschaft noch tiefer. Vielleicht macht Werthmann auf eine Einsicht aufmerksam, die uns heute in einem anderen Zusammenhang geläufig ist: Der moderne Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Dieses – zugegeben reichlich strapazierte – Diktum des Juristen und ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde zielt ja nicht nur auf irgendwelche Wertedebatten, die ein weltanschaulich neutraler Staat nicht mit seinen Zwangsmitteln entscheiden darf, sondern von anderen gesellschaftlichen Kräften wie den Kirchen führen lassen muss. Solche Wertedebatten, solche Diskurslandschaften sind das eine; aber es bedarf auch konkreter Tatlandschaften, konkreter wertgeleiteter Lebenspraxis. Eine demokratische und soziale Gesellschaft agiert nicht nur geistreich, sondern auch handgreiflich. Sie kann über Menschenwürde, Anerkennung, Solidarität, Gerechtigkeit nicht nur öffentlich räsonieren; sie muss sie im Alltagsleben durch gemeinschaftliches Engagement erfahrbar machen; sie muss sie in den sozialen Nähen und zivilen Solidaritäten von Familien, Nachbarschaften, Genossenschaften, Selbsthilfegruppen oder Bürgervereinen erlebbar werden lassen und so deren reale Verbindlichkeit erzeugen. Genau das ist der unverzichtbare, bleibende Mehrwert freiwilliger, bürgerschaftlicher und nicht zuletzt kirchlicher Wohlfahrt im Unterschied zur staatlichen oder mittlerweile auch rein gewinnorientierten Wohlfahrtsproduktion. Das aber bedeutet für die organisierte Caritas im heutigen Deutschland, dass sie sich noch viel stärker auf ihre Struktur als Verband ehrenamtlicher Mitglieder zurückbesinnen muss. Und sie muss die Dominanz ihrer unbestritten hoch qualifizierten beruflichen sozialen Arbeit in den Dienst am Aufbau solidarischer Netzwerke einbringen.

Lorenz Werthmann sprach übrigens immer wieder von der „Hebung sittlicher, geistiger und religiöse Notstände“, die „als ein bevorzugtes Gebiet der kirchlichen Caritas“ gegenüber der weltlichen (und konsequenterweise auch der staatlichen) Wohlfahrtspflege respektiert werden muss.5 Aus guten Gründen versteht sich die Caritas heute nicht mehr als eine moralische Erziehungsinstitution – wenigstens nicht in erster Linie oder gar in paternalistischer Absicht. Dennoch muss sie damit rechnen, dass ihre weit über fünfhunderttausend Mitarbeiter(innen) viele Menschen unterstützen, betreuen und begleiten, die angesichts ihrer konkreten Lebenslage, angesichts ihrer Krankheit oder ihrer Arbeitslosigkeit, angesichts ihres Eheproblems oder ihres Sterbens die Sinnfrage stellen und damit oftmals auch die spezifisch religiöse Frage: vielleicht sogar die Frage nach Gott, zumindest aber die Frage nach einer Wirklichkeit, die nicht in des Menschen Hand ist.

Uns wird erst allmählich wieder bewusst, dass soziale Probleme oftmals eine religiöse Tiefendimension besitzen. Diese darf bei der Bearbeitung prekärer Lebenslagen eines Menschen keinesfalls außen vor gelassen werden: weder als möglicher Teil des Problems noch als möglicher Teil der Lösung. Von der kirchlichen Caritas kann und muss erwartet werden, dass sie diese religiöse Tiefenstruktur sozialer Problemsituationen wahr- und ernst nimmt; dass sie des Betroffenen Verzweiflung, dessen Klage, ja, dessen Anklage gegen Gott ebenso sprachfähig machen hilft wie dessen vielleicht nur zaghaftes Pflänzchen Hoffnung, die er auf die letztlich obsiegende heilende Nähe eines umsorgenden Gottes in seinem Innersten hegen mag und für die Bewältigung seines Lebensproblems fruchtbar machen kann. Auch von einem/einer religiös eher unmusikalischen Mitarbeiter(in) der Caritas darf die Bereitschaft und die Fähigkeit erwartet werden, dass er/sie solche religiöse Musikalität in der Szenerie sozialer Professionen nicht achtlos ausblendet oder sogar unwirsch beiseitewischt. Ansonsten verdunstete dieser Mehrwert kirchlicher Caritas wie der erfrischende Tau am Morgen eines sengenden Sonnentages.

Einsatz mit Leidenschaft

Das hat nichts mit sachfremder Spiritualisierung oder gar Frömmelei zu tun. Eine bestimmte Weise christlicher Spiritualität steht jeder Caritas gut zu Gesicht, und zwar bereits aus fachlichen Gründen – jene geistig-geistliche Grundhaltung also, die sich eben auch hinter der gestrichenen Charitas – die also mit dem kleinen „h“ – verbirgt. Das griechische „Charis“ steht ja auch für besondere, ja eben begnadete Einsatzfähigkeit („Charisma“) im Dienst an der Allgemeinheit. „Charis“ in der Caritas könnte also stehen für den leidenschaftlichen Einsatz mit und für die An-den-Rand-Gedrängten, für den gleichsam messianisch langem Atem an der so mühevollen Verbesserung der Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft.

„Charis“ steht im Ernstfall auch für ein prophetisches Amt: für das unerschrockene Wort wie für den stummen Protest widerständiger Praxis. Der prophetische Geist ist die Sehkraft des Caritas, heißt es im Leitbild des Deutschen Caritasverbands. Doch was nützte alle Sehkraft, wenn es der Caritas an einem entsprechenden prophetischen Handlungswillen ermangelte. Natürlich wird sich der DCV nicht der ätzenden Schärfe eines Propheten Amos befleißigen. Angesichts wachsender Armut wird sein Präsident natürlich nicht vom Prenzlberg herab nach Mitte brüllen: „Hört dieses Wort, ihr Baschankühe und feisten Weiber Berlins, die ihr die Obdachlosen aus den Einkaufsvierteln wegdrücken lasst und die Arbeitssuchenden mit euren Shareholder-Values zermalmt, zu euren Männern aber sagt: ‚Schafft Schampus herbei, wir wollen schwelgen!‘ Bei seiner Heiligkeit hat Gott der Herr geschworen: Seht, Tage kommen über euch, da holt man euch mit Fleischerhaken weg, und was dann noch von euch übrig ist, mit Angelhäkchen. Ihr müsst durch die Engen der Mauern hindurch, eine hinter der anderen! Man jagt euch dem eiskalten Nordpol zu! Amen, Basta – Spruch des Herrn!“

Nein, solch unerhörte Rede wäre des heutigen Caritas-Präsidenten Stil und Sache nicht. Doch dass die organisierte Caritas nach sorgfältiger Analyse und Abwägung empirischer Befunde im Zweifelsfalle Protest erhebt; dass die organisierte Caritas sich trotz ihrer engen Verflechtungen und Verzahnungen mit der staatlichen Wohlfahrtsvorsorge nicht in die Abhängigkeit eines Ja-und-Amen-Sagers begibt, sondern im Zweifelsfalle Missstände und Ungerechtigkeiten öffentlich und unerschrocken anprangert; das gehört unverzichtbar zum Selbstverständnis der Caritas als Wirkinstrument der Kirche Gottes in und für diese Welt. Und das hat gewichtigen Anteil an ihrem Mehrwert für die Vermenschlichung unserer Gesellschaft: Denn nur prophetische Sehkraft und prophetischer Handlungswille zusammen vermögen die Schubkraft jenes „heiligen Zorns“ zu versammeln, angesichts des menschlichen Leids im Plural von Millionen auch unbequeme und anstößige Wahrheiten auszusprechen – damit wir nicht ersticken müssen an den Worten, die um der Solidarität und Gerechtigkeit willen in unserer Gesellschaft auszusprechen sich ansonsten kaum einer mehr wagt.

Anmerkung

Gekürzte Fassung des Festvortrags anlässlich der Vorstellung des Sonderpostwertzeichens „150. Geburtstag Lorenz Werthmann“ durch den Bundesminister für Finanzen am 7. Oktober 2008 in Berlin.

1. Charitas 2 (1897), S. 39.
2. Lorenz Werthmann: Um die Freiheit der kirchlichen Charitas. In: Bergmann, Karl (Hrsg.): Aus seinen Reden und Schriften, Freiburg i. Brsg., 1958, S. 116.
3. Ebd.
4. Ebd., S. 149.
5. Ebd., S. 153.