Manch einer mag es auf den ersten Blick für ­Ironie oder gar Zynismus halten: Ein Lob dem Imperfekten? Steht das Unvollkommene unseres Lebens nicht gerade für das schmerzhaft Fehlerhafte, für Leid, Schuld und Versagen, kurz: für die hässlichen Narben im Antlitz von Gottes ansonsten guter Schöpfung? Will ein Lob dem Imperfekten nicht einfach über das Schmerzhafte hinwegtäuschen, ja uns womöglich nur gefügig machen, damit wir uns mit den Ärgerlichkeiten und Zumutungen unseres Lebens »lammfromm« abfinden und jede Gegenwehr im Keim ersticken? Zugegeben, ein Lob dem Imperfekten könnte in dieser Weise missverstanden werden. Aber es kann auch auf etwas Gegenteiliges hinweisen.

Dieses Andere deutet sich bereits in der alltagssprachlichen Bedeutung der Wörter perfekt und imperfekt an. Perfekt steht für ausgereift, makellos, vollendet; aber eben auch für abgeschlossen, fixiert, unveränderbar. Das Imperfekte hingegen steht zunächst für unausgereift, unzulänglich, entwicklungsbedürftig. Aber es steht auch für unabgeschlossen und damit entwicklungsfähig und gestaltungsoffen! Und darauf kommt es seinem Lob genau an: In der Unabgeschlossenheit, ja vielleicht gerade in der Zwiespältigkeit unseres Lebens will es unsere Lebensgeschichte offenhalten; offenhalten für Entwicklungen und Veränderungen, offenhalten für befreiende Begegnungen und heilsame Beziehungen; offenhalten für all das überraschend Neue, das uns in unserer Lebensgeschichte widerfahren kann.

Dem Leben zugewandt

Dieses Lob dem Imperfekten wendet sich gegen jede Form von Fatalismus, die längst mit dem Leben abgeschlossen hat; die mit neuen und unvermuteten Wendungen nicht mehr rechnen mag; ja die kein Vertrauen mehr hat in die zuversichtliche Kreativität von Menschen, die allen Widrigkeiten zum Trotz verändern und gestalten; die sich und anderen etwas zutrauen; die nichts zu spät sein lassen und resignieren; ja, um ein treffliches, Martin Luther zugeschriebenes Wort zu bemühen, die heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, selbst wenn morgen schon die Welt unterginge. So besehen ist das Lob des Imperfekten kein Zynismus, sondern Ausdruck einer besonderen Zugewandtheit zum Leben.

Diese Zugewandtheit zum Leben begegnet den Turbulenzen und Unfertigkeiten nicht mit Verzweiflung, sondern mit Zuversicht. Natürlich, solche zuversichtliche, ja hoffnungsvolle Zugewandtheit dem Leben gegenüber kann man sich nicht einfach verordnen. Am allerwenigsten in Zeiten besonderer Umstände. In besonderen Umständen befinden sich viele werdende Mütter. Das Besondere ihrer Umstände ist nicht nur die Erwartung ihres Kindes. Das Besondere dieses Umstandes ist auch die Erwartung etwa ihres sozialen Umfeldes, alles erdenklich Mögliche an Vorsorge zu nutzen. Solche Vorsorge galt früher einer möglichst komplikationslosen Schwangerschaft und Geburt ihres Kindes. Das war und ist gut so. Heute aber gilt die Vorsorge immer mehr einer möglichst frühzeitigen Diagnose von unerwünschten Merkmalen des Ungeborenen, die oftmals den Abbruch der Schwangerschaft veranlassen. Pränatale Diagnose, der – wenn möglich – eigentlich eine Therapie folgt, kippt schnell in eine pränatale Prognose, die das werdende Leben in lebenswert oder lebensunwert taxiert. Schwangerschaftsvorsorge entwickelt heute eine Sogwirkung, denen sich nur wenige Frauen entziehen können. Wie das rechte Maß finden und es dann noch gegen andere, manchmal extreme Erwartungen anderer durchhalten?

Caring and worrying

Vorsorge ist ein wichtiger Teil der umfassenden Sorge für das Leben. Sorge gilt den Belastungen unseres Lebens, seinen Gefährdungen und manchmal auch seinen Unerträglichkeiten. Unsere Sorge will all dieses abwenden oder wenigstens soweit mildern helfen, dass es erträglich wird. Die Ethiker nennen diese Sorge caring. Sie ist unbestritten ein wichtiger Ausdruck unserer Verantwortung auch gegenüber dem werdenden Leben. Caring besteht übrigens nicht nur in der Wahrnehmung bestimmter pränataldiagnostischer Angebote, sondern – für Mütter gewiss eine Selbstverständlichkeit! – in einer behutsamen persönlichen Lebensführung, die sich in diesen besonderen Umständen der besonderen Verantwortung für das ungeborene Kind verpflichtet weiß.

Aber wir kennen auch eine Sorge, die in ein worrying umkippt. Darunter verstehen wir ein Ausmaß an Sorge, das krampfhaft jede mögliche Gefährdung, ja schon jedes mögliche Risiko einer Gefährdung von vorneherein auszuschließen sich müht. Und darüber vergisst, worum es der Sorge um uns und andere eigentlich gehen will: Leben zu ermöglichen und eben nicht aus lauter Angst vor dem Unfertigen und Unvorhersehbaren das Leben still zu stellen oder sogar selbst zu verhindern! Das lebenszugewandte Sich-Kümmern kann sich schnell zu einer ständig belastenden Kümmernis, ja zu einem lebensfeindlichen Kummer verfremden.

Korridor der Hoffnung

Das Lob dem Imperfekten will uns einen Korridor eröffnen und freihalten, der Sackgasse zu entgehen, in die alle übertriebene Sorge, alles worrying, ja alle Versuchungen zu absoluter Perfektion unser Leben zu führen drohen. Es ist eine Einladung zur Entängstigung unserer Lebensgestaltung, die von überbordenden Besorgnissen um andere und niederdrückende Bekümmernisse um uns selbst gefangen gehalten wird. Es lädt ein zu einer Grundhaltung ernsthafter Gelassenheit. Ernsthaft ist diese Gelassenheit, weil wir empfindsam sein und bleiben müssen für die Not und den Schmerz, die etwa die Diagnose über eine schwere Erkrankung oder die drohende Behinderung eines ungeborenen Kindes die Mutter und die weiteren Angehörigen erfassen mögen. Ernsthaft ist sie also, weil das, was uns und andere besorgt, keinesfalls mit einem leichtfertigen Optimismus beiseite geschoben werden darf. Bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit dürfen wir jedoch auch gelassen sein – jedenfalls dann, wenn wir trotz angespannter Lebenslage auch die heilsamen Potentiale unseres Lebens, ja auch des Lebens in und unter besonderen Umständen erfahren können und »in guter Hoffnung« aktivieren lernen.

In Gottes Hand

Solche Hoffnung ist uns von Gott her eröffnet. In ihr verdichtet sich unser Vertrauen auf die Wirklichkeit eines Gottes, in dessen Händen alles Fragmentarische und auch Leidvolle unseres Lebens geborgen ist und uns trotz allem immer wieder Aufbrüche ermöglicht. Damit kein Missverständnis entsteht: Solche Hoffnung ist keine Gewissheit, dass all unsere Vorstellungen erfolgreich verwirklicht werden. Wir können nicht mir ihr planen oder sie in unsere Prognosen über unsere Zukunft einrechnen. Christliche Hoffnung sperrt sich gegen alle eingewöhnten Erwartungs- und Planungslogiken, die möglichst perfekte Prognosen über unser Leben absichern sollen. Christliche Hoffnung hat ihren Ursprung im Gott unseres Glaubens. Sie ist deshalb unverfügbar, keine feste Größe unserer Zukunftsplanungen. Sie erfüllt sich dort, wo Gott bei uns ist und sein wird. Und oft gerade dann, wenn wir nicht mehr mit Ihm rechnen. Christliche Hoffnung erfüllt sich dort, wo Gott selbst für unser Leben sorgt, Er, der sagt: »… denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben« (Jer 29,11).

Freilich ist Gottes Sorge nicht vor allem als unmittelbares Eingreifen im Sinne eines Abwendens aller Belastungen und Mühen zu verstehen. Sie zeigt sich vielmehr gerade in jenem Offenhalten unseres Lebens, das Entwicklungs- und Gestaltungsspielräume ermöglicht – nicht zuletzt durch die Solidarität, die wir einander durch tatkräftige Unterstützung zeigen. So besehen stellt uns das Lob dem Imperfekten die »Gretchenfrage«: Gewähren wir unserem Leben nur eine vorausberechnende und möglichst präzise Prognose? Oder gestatten wir ihm eine unverplante und damit überraschungsoffene, gottgeschenkte Zukunft?

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